Ulkige Menschen

6 Feb

Beim Stoffeverkaufen erlebt man ja so einiges. Und bekommt einen Einblick in die Denke der Menschen. Und man kann fast NIE vorhersehen, wie die Leute dann letztendlich einkaufen. Manchmal feilschen „reich“ Aussehende um 5 cm und Leute in definitv abgetragenen Sachen kaufen Schlafanzugstoff für 100 Euro. Samstag hatte ich Glück und fast nur nette Kunden.

ABER: einer ist ja immer dabei. Kunden, ca. 45 Jahre alt, wohlhabend. Hat Stoff für die Tochter gekauft, die in der Schule ein Mäppchen nähen mus. Sie fragt, ob ich denn meine Sachen selber nähe. Ich bejahe, sie druckst ein bisschen rum und fragt dann, ob ich auch für andere nähe. Ich verneine und meine, dass sie ja ev. einen Nähkurs hier machen kann und sich dann die Sachen selbst machen kann. Sie schaut mich völlig entsetzt an und meint – jetzt kommts: „DA ist mir meine Zeit zu schade für!“

Ist das nicht ein Hammer? Zeit zu schade? Aber andere drum fragen. Ist meine Zeit denn weniger wert? Offensichtlich ja. Sie hat dann noch gefragt, ob ich denn Schneiderin wäre und als ich dann gesagt hab, dass ich hier nur Samstags bin und in einem Verlag als Lektorin arbeit, ist sie SEHR VIEL freundlicher geworden. Und DAS hab ich richtig dick. Ätzend!!!!

Aber das mit der Zeit ist mir schon so oft passiet. Woher ich denn die Zeit nehme, ob mir DAS denn Spass mache, wie ich das denn überhaupt mache. Bah… Und immer der leise Unterton, dass ich dann ja SICHER irgendwas vernachlässige, sei es Haushalt, Liebelein oder was anderes. Ich sag meistens, dass ich sehr wenig schlafe und nicht fernsehe, dann ist Ruh! 🙂

10 Antworten to “Ulkige Menschen”

  1. sewvintage Februar 6, 2012 um 8:27 am #

    Du hast einfach kein richtiges Leben, wenn du Zeit für sowas hast 😉

    Ich hatte das neulich auch wieder in einem Gespräch über Stricken: sagt eine, die KEINE Hobbies hat und ihre Freizeit mit „Shopping“, Fernsehen und Lesen verbringt, dass sie für SOWAS keine Zeit hat. „Warum machst du dir nur immer so eine Arbeit?“

    Ok, stimmt schon, wenn ich eine neue Bluse nähe, dauert das einen ganzen Tag. Aaaaaber, mal abgesehen davon, dass mir der Prozess der Herstellung Spass macht, kann ich mir genau dann eine Bluse nähen, wenn ich sie brauche und ich habe dann auch eine, die genau so ist, wie ich sie haben will. Aktueller Anlass: wir gehen Ende März auf eine grosse Messe und Chef hat „Uniform“ angeordnet: alle schwarze Hosen/Röcke, weisse Hemden und CI-Krawatten (ich konnte ihm die Halstücher für die Frauen ausreden – bin doch keine Saftschubse). Nun brauche ich 2-3 weisse Blusen mit Kragensteg, damit das mit der Krawatte ordentlich aussieht. Wenn ich dafür jetzt shoppen gehe, dauert das auch einen ganzen Tag, bei so konkreten Vorstellungen. Und am Ende muss ich wahrscheinlich mit einem Kompromiss leben, da bin ich doch mit Nähen viel besser dran.

    Aber die Leute, die sowas sagen sind einfach die, die nur das Endresultat haben wollen und keine Freude am „Machen“ haben. Da ist dann natürlich jeder Handgriff zu aufwändig und da darf das Selbstgemachte dann auch keinesfalls teurer sein, als was Gekauftes, sonst „rentiert“ es sich ja nicht mehr.

  2. Nanny Februar 6, 2012 um 9:15 am #

    Mit dem Beruf steigt man in der wertung.
    Schneiderinnen oder Verkäuferinnen sind genauso viel Wert wie Lektoreinnen – und meiner Ansicht nach, verdienen Müllmänner den allerhöchsten respekt!
    Sehen nur viele nicht so…
    Ich bin mal in einer Buchhandlung von einem Azubi dumm angemacht worden (da machte ich das Rechnungswesen als Nebenwerwerb). der meinte, ich wäre ja nur (!!!) die Tippse!!!
    Den habe ich so rund gemacht, das sogar der Chef den Kopf einzog.

  3. kirschenkind Februar 6, 2012 um 9:50 am #

    Menschen sind komisch, das stelle ich immer wieder fest. In meinem Freundeskreis ist das Nähen auch nicht so dolle angesehen, aber wehe, jemand braucht einen neuen Reißverschluss… Da ich das für mich aber auch nicht mache, verweise ich immer recht freundlich auf die Profis, die werden vermutlich nicht wahnsinning beim Raustrennen eines maschinell eingenähten Dings. Auf jeden Fall werde ich auch gerne gefragt, wie das denn noch mache. Dass andere in der Zeit zum Sport gehen oder in die Theatergruppe (oder eben shoppen), das ist dann wiederum verständlich. Für mich bedeutet das Nähen insbesondere, dass ich meine Zeit nicht vertrödel, sondern mit Inhalt fülle. Hat die letzten Tage allerdings auch nicht geklappt…
    Meine Nähkursleiterin, gelernte Schneiderin (Herren), erlebt die Herabsetzung auf ganz krasse Art. Da sie selbstädnig und sehr, sehr gutmütig ist, aber kein Ladenlokal hat, fehlen ihr anscheinend die äußeren Zeichen für „das ist ein Profi, den man angemessen bezahlen muss“. Dass die Kunden nicht mit einer Schachtel Pralinen und einem Zwinkern um die Ecke kommen, ist echt alles.

    Liebe Grüße von Frau Kirsche

  4. sugar dumpling Februar 6, 2012 um 12:55 pm #

    Wie ich sowas hasse, wenn Kollegen/Kunden/Gäste etc. einen wie den letzten Dreck behandeln, weil man in ihren Augen net so nen tollen Beruf hat. Und wenn sie dann merken, oh derjenige hat ne Ausbildung/studiert/kann zwei zusammenhängende Sätze reden….. auf einmal scheißfreundlich werden! Am krassesten war es, als ich mal nebenbei geputzt hab und die mich dort angeredet haben, als könnte ich nicht mal richtig Deutsch!

    Neben meiner Arbeit im Schulsekretariat musste ich eine Zeit lang nebenbei kellnern und in das Café kamen auch manchmal Lehrer von der Schule, wo ich arbeite. Die dachten ernsthaft, ich mach das zum Spaß?!? Als ich dann meinte, ich muss dort bis 1:00 nachts kellnern und am nächsten Morgen wieder um 7:00 Uhr in der Schule sitzen, ist ihnen die Kinnlade runtergefallen.

    Die Tusse bei dir am Samstag dachte bestimmt, da hat sie ne Dumme gefunden, die ihr für nen Zehner und ein Dankeschön ein Kostümchen näht?!?!?!? Unmöglich!

  5. Katrin Februar 6, 2012 um 2:28 pm #

    Viele Menschen sehen es wahrscheinlich einfach nicht ein, dass sie, statt den Flimmerschrein anzubeten, AKTIV etwas machen könnten (kochen, nähen, stricken, ein Möbelstück bauen etc.). Schließlich arbeiten sie ja schon 8-9 Stunden am Tag aktiv, und das macht den meisten keinen Spaß. Produktiv sein = arbeiten = keine Freizeit. Oder so ähnlich.

    Und das es Leute gibt, die ihren eigenen Wert und den anderer nur anhand ihrer beruflichen Qualifikation festmachen, sagt eigentlich schon alles über diese Personen…

  6. Taylor Maid Februar 7, 2012 um 7:10 am #

    Ihr habt alle so recht. Na ja, im Endeffekt ärger ich mich auch gar nicht so wegen MIR über solche Menschen, ich finds einfach erschreckend, das so viele davon mit einem Brett vor dem Kopf durch die Welt rennen. Und für ihr eigenes Unvermögen oder die Faulheit IMMER eine Ausrede parat haben. Letzthin wurde mir gesagt, dass ich ja nur so viel Zeit fürs Nähen hab, weil ich keine Familie hab. Dass es auch Deppen geben muss, die 40 Stunden in der Arbeit abhängen, wurde dabei anscheinend vergessen.

  7. suger dumpling Februar 8, 2012 um 7:44 am #

    So ging es mir gestern auch und ich nähe ja bei weitem nicht so viel wie du! Habe nur erwähnt, dass ich nähe, dann kam gleich „Na, duuuuuu hast ja auch keine Kinder und keine zwei Hunde und wahrscheinlich strickste auch noch?!?“ Ja, Entschuldigung, dafür arbeite ich doppelt soviel wie die und nein, ich stricke nicht, würde es aber, wenn ich es gscheit könnte…

    Nee, nee, nur net aufregen über die Leut;-)

  8. sewvintage Februar 8, 2012 um 9:11 am #

    Tsk. Hab deine Post grade nochmal gelesne und musste über den Spruch „Da ist mir meine Zeit zu schade dafür“ direkt wieder grinsen. Dafür, den ganzen Tag inhaltslose SMSen zu senden und in Facebook rumzuhängen ist ihr ihre Zeit wahrscheinlich nicht zu schade.

    Und natürlich ist es „wertvoller“, eine Familie zu haben, keine andere Aktivität kann da mithalten. Alles andere ist ja nur das verzweifelte Ausfüllen der Zeit, die einem übrig bleibt, wenn man seinen Daseinszweck auf diesem Planeten (Kinder in die Welt setzen) verfehlt hat.

  9. Wiebke Februar 8, 2012 um 10:41 pm #

    ahhh, ich hatte gerade ganz viel geschrieben und jetzt ist der ganze kommentar weg…
    mag nicht nochmal schrieben, aber dein Erlebnis ist echt die Krönung. Es ist unglaublich was es für unsägliche Menschen gibt…..

    Und immer diese abfälligen Zeit-Gegeneinanderrechnungen. Ich wundere mich, mit welcher Selbstverständlichkeit und welchem Einsatz von Lebenszeit Leute sich allabendlich den schlimmsten Fernseh-Schwachsinn antun, sich von Werbeunterbrechungen hinhalten lassen (so oft und lange muß ja nun wirklich niemand pinkeln) und dann so leicht abfällig fragen, wo ich denn bloß die Zeit zum Nähen hernehme, frei nach dem Motto „So viel Freizeit hätte ich aber auch gerne mal…“

    Wenn man näht UND KInder hat, wird man unterschwellig immer verdächtigt, dass man die Kinder vernachlässigt…. Oder die Kinder fremdbetreuen läßt…böse böse!

    LG
    Wiebke

  10. Taylor Maid Februar 9, 2012 um 7:22 am #

    Genau, und wenn man nicht die Kinder vernachlässig, dann sicher den Mann respektive Freund oder den Haushalt oder sonst irgendwas. Das man vielleicht einfach eine gute Zeitplanung hat, daran denken diese „Dschungelcamp-Gucker“ nie.

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